Nadeschda Georgijewna S., geb. 4.3.1925, im Frühsommer 1943 aus Weißrussland nach Deutschland deportiert (Hotel Deutscher Hof)

Nadeschda Georgijewna S., geb. am 4. März 1925, wurde gemeinsam mit ihrer Schwester und anderen Landsleuten im Mai oder Juni 1943 aus einem Dorf in Weißrussland nach Deutschland deportiert:
"Die Deutschen haben in den besetzten Gebieten die Neuregistrierung der Bevölkerung organisiert (Ausgabe des Ausweises). Mit der Drohung, sonst erschossen zu werden, wurden die Jugendlichen zusammengetrieben und festgehalten für den weiteren Abtransport nach Deutschland. Einige Tage wurden wir in dem Gebäude der Schule festgehalten, dann wurden wir in Güterwagen geladen. Unterwegs haben sie noch viele Gefangene in dieselben Wagen geladen. Wir wurden unter schrecklichen Platzmangel transportiert und kamen so in Göttingen an. Dort wurden wir durch eine Gesundheitskontrolle getrieben. Dann wurden wir nach den Zeichen auf der Kleidung (gelbe, rote oder blaue) zur Arbeit eingeteilt."

Diese Zeichen auf der Kleidung - leider erklärt Frau S. nicht die Bedeutung der Farben - wurden offensichtlich von den untersuchenden Ärzten oder Sanitätspersonal vorgenommen und war eine Vorabselektion, die den Arbeitgebern, die sich ihre Arbeiter auswählten, die Auswahl erleichterte.

"In der Stadt Göttingen arbeitete ich im Hotel „Deutschland“ [Deutscher Hof - C.T.]. Wo sich das Hotel befand, daran erinnere ich mich nicht. Der Besitzer des Hotels hieß Ernst Braier [Ernst Breyel - C.T.], er war etwa 45-50 Jahre alt. Zusammen mit ihm wohnte seine Frau Elsa und die Tochter Osol (so nannten sie ihre Eltern) [wahrscheinlich Ursel - C.T.] Meine Pflichten waren: die Zimmer putzen, den Fußboden wischen, die Wirtschaftsräume reinigen, Geschirrspülen. In der Küche arbeiteten Deutsche, Holländer, Belgier, die getrennt gewohnt haben und bezahlt wurden. Mit uns arbeiteten Weißrussen, die Polin Anna W. und eine Ukrainerin aus der Stadt Berditschew Anna T. Wir wohnten im 2. Stock des Hotels und aßen getrennt. Das Brot wurde uns auf Karten für mehrere Tagen ausgegeben, das Essen war knapp. Meistens gab es Kartoffeln und Gemüse. Kleidung (Anzug und Schürze ) und Holzschuhe wurden uns ausgegeben. Wir mussten immer im Hotel bleiben. Der freie Tag war Freitag (von Mittag ab). Urlaub hatten wir keinen. Wir arbeiteten von 6 Uhr morgens bis Mittag, dann erholten wir uns. Manchmal spülte ich abends und nachts das Geschirr. Unser Chef behandelte uns nicht brutal, aber er gab uns für die Arbeit kein Geld. Wir hatten kein Rechte (auf Urlaub, Briefwechsel, freie Bewegung in der Stadt). Das kann man allerdings verstehen, es war der Krieg. Die Stadt wurde oft bombardiert. Während der Bombardierungen versteckten wir uns im Keller. Wenn aber viel Arbeit war, versteckten wir uns manchmal auch nicht. Zum Glück wurde das Hotel nicht getroffen. In der Stadt gab es keine Transportmöglichkeit und manchmal gingen wir zum Landhaus des Chefs zu Fuß [wahrscheinlich, um auch dort zu arbeiten - C.T.]. Gewalt seitens des Arbeitgebers gab es keine. Manchmal verstand man ihn nicht genau. war es ein nicht genauer Verstand. Aber man muss sagen, wir hatten Glück mit dem Chef. Aber alle Seiten seines Lebens kannten wir natürlich nicht. Manchmal zog er seine militärische Uniform an und fuhr irgendwohin."

Das bedeutet, dass Ernst Breyel sehr wahrscheinlich irgendeine Funktion in der SA hatte.

Meine Zwangsarbeit endete im Mai 1945. In die Stadt fuhren amerikanischen Panzer ein. Wir haben uns, zusammen mit dem Besitzer, im Keller des Hotels versteckt. Alle befreite Leute haben sich sehr gefreut nach dem Sieg, küssten sich und weinten. Auf Befehl der Amerikaner wurden wir auf LKWs geladen und zu einem Standort der sowjetischen Truppen in Magdeburg gefahren. Aber nicht alle Leute strebten nach Hause, weil sie von der Verfolgung durch die weißrussischen Machthaber Angst hatten. Die Mädchen heirateten Polen, Belgier, Franzosen, Holländer. Auch meine Schwester heiratete einen Polen und ging nach Frankreich. Bis zum Frühling 1946 hielt ich mich am Standtort der Sowjetarmee in Magdeburg auf. Im Mai 1946 kehrte ich in meine Heimat in das Dorf Glubokoje zurück. Nach dem Krieg, im Jahre 1948 heiratete ich. Im Jahre 1950 wurde der Kolchos gegründet und wir traten dort ein. Mein Mann und ich arbeiteten in der Feldwirtschaft, zuerst für „Trudodni“ [= Bezahlung ohne Geld - der Übersetzer], ab 1966 wurden wir mit Geld bezahlt. Wir hatten ein schweres Leben, erzogen die Kinder. Im Moment bin ich Witwe. Ich bekomme eine Altersrente von 30.000 Belaroussischen Rubel, das sind etwa 50 DM."

Nadeschda Georgiejewna S. schrieb diesen Bericht im Januar 2001.

Siehe auch die Erinnerungen einer polnischen Zwangsarbeiterin, die im Deutschen Hof arbeitete.

 

Gruppe von Zwangarbeiterinnen im Hotel Deutscher Hof

alt="Gruppe

Eine Gruppe von aus Weißrussland, der Ukraine und aus Polen stammenden Zwangsarbeiterinnen, die im Hotel Deutscher Hof arbeiteten (auf dem unteren Foto ganz rechts Nadeschda Georgijewna S.)



Quelle:

Fragebogen Nadeschda Georgijewna S, geb. 4.3.1925 mit Fotos, o.D. (Einang 25.1.2001) Stadtarchiv Göttingen, Sa. 32- Sammlung Tollmien, Korrespondenz und Foto-CD.

 


 Impressum