NS-Zwangsarbeit: "Arbeitserziehungslager Breitenau"


Postkartenansicht des Klosters und Lagers Breitenau

Den Mittelpunkt von Breitenau bilden die ehemaligen Klostergebäude aus dem 12. Jahrhundert. In diesen wurde 1874 eine "Korrektions- und Landarmenanstalt" für Bettler, Landstreicher, Prostituierte und "verwahrloste" Jugendliche eingerichtet, später in "Landesarbeitsanstalt und Landesführsorgeheim Breitenau" umbenannt. 1911 kam ein Zellenbau hinzu, der vor allem für Häftlinge aus dem Kasseler Zuchthaus Wehlheiden genutzt wurde. Später erhielt das Gefängnis den Namen und die Aufgabe "Landesarbeiteranstalt und Landesführsorgeheim Breitenau". Im Juni 1933 wurde in Breitenau ein Konzentrationslager, das bis zu seiner Auflösung im März 1934 470 politische Gefangene durchliefen. Im Sommer 1940 wurde dann das "Arbeitserziehungslager" in der Klosteranlage eingerichtet, das bis Kriegsende 1945 bestand. Ca 8500 Häftlinge wurdenin Breitenau inhaftiert, die meisten von ihnen für etwa 1 bis 2 Monate. Der überwiegende Teil der Häftlinge waren ausländische ZwangsarbeiterInnen, die von der Gestapo wegen "Arbeitsverweigerung", Arbeitssabotage, "Arbeitsflucht", "Arbeitsvertragsbruch" und ähnlichem verhaftete worden waren. Die Gefangenen stammten vornehmlich aus der Sowjetunion, Polen, Frankreich, den Niederlanden, Luxemburg und Italien.

Cecile Bonnet, die für ihre Magisterarbeit über die französischen Zwangsarbeiter in Göttingen Breitenau besichtigt hat, beschreibt im Abschnitt "Zwangsarbeiter oder Gefangene?" sehr anschaulich Situation im Lager Breitenau: "Das am Anfang des Dorfs Cuxhagen liegende Lager verriet dem uneingeweihten Betrachter nichts von seiner Funktion. Statt hässlicher, von Stacheldraht umgebener Baracken eine von hohen Mauern geschützte Kirche. In dieser Kirche und deren Nebengebäude wurden im Laufe des Krieges ca 8 500 Menschen eingesperrt. Ob Männer, Frauen, Jugendliche, Deutsche, Ausländer, Flüchtlinge, Gefangene, allgemein also "Vertragsbrüchige". Als erstes fiel dem Neuankömmling die mächtige, von hohen Mauern umgebene Kirche auf. Relativ ungewöhnlich, denn man hätte eher hässliche und verfallene Holzbaracken erwartet. Dennoch gab es keinen Grund zu jubeln, denn die Lebensbedingungen in Breitenau waren nicht beneidenswerter als irgendwo anders. Beschreiben wir kurz die Merkmale eines AELs, am Beispiel Breitenaus. Mit dem Durchschreiten des Lagertors fing für den Arbeiter ein ganz neues Leben an: Anmeldung bei der Verwaltung, Abgabe seiner Privatsachen, die er erst nach seiner Befreiung wieder bekommen durfte und das Einkleiden nach AEL-Vorschrift. (Im Laufe des Krieges wird die Organisation immer schwieriger. Die zunehmende Zahl von Vertragsbrüchigen erschwerte die Verwaltung des AEL. Außerdem wird es bald unmöglich, für jeden Gefangenen Kleidung zu besorgen. Sie werden also wochenlang die Kleidung tragen müssen, die sie am Tag ihrer Verhaftung trugen.) Innerhalb weniger Minuten verlor er jeglichen Bezug zu seinem bisherigen Leben. Verängstigt sah er sich im Lager um, um zu erahnen versuchen, was auf ihn zukam. Er brauchte keine Antwort auf seine Fragen, denn schon der Anblick gespenstiger Gestalten wies auf eine grausame Zeit hin. Der in Breitenau ankommenden Arbeiter sollten erzogen bzw. bestraft werden. Diese so genannte Erziehung geschah nicht mit Hilfe von Strafpredigten oder großen Worten, sondern mit Stockschlägen, im bildlichen wie im eigentlichen Sinn. Die Arbeiter mussten gedemütigt werden, solange die Gestapo es für notwendig hielt. Die Strafdauer im Lager war aber von Anfang an festgelegt: entweder 24 oder 56 oder 112 Tage. Der Arbeiter erfuhr jedoch bei seiner Ankunft nie, wann er wieder die Freiheit erlangen würde. Es blieb also nichts anderes, als zu warten und zu versuchen sich damit abzufinden. Pierre G. blieb 28 alptraumhafte Tage im Lager, die ihm beinahe das Leben kosteten. Dies war aber nicht in erster Linie das Ziel des Lagers. Man sollte zwar den Vertragsbrüchigen jegliche Lust nehmen, neue Versuche zu unternehmen, dennoch waren die AELs keine Konzentrations- oder Vernichtungslager, auch wenn sie in gewisser Weise vergleichbar waren. (Nach seiner Entlassung bekam der Arbeiter selten eine zweite Chance. Sollte er in Zukunft noch mit der Gestapo zu tun haben, würde diese nicht zögern, ihn für eine unbestimmte Zeit ins KZ zu schicken). Es sollte trotzdem darauf hingewiesen werden, dass die Lebensbedingungen in Breitenau zahlreiche Arbeiter zum Tode führten, so u.a. bei vierzehn Franzosen. Vier starben an den Folgen von Krankheiten ("Herzschwäche bei Angina", "Fleckfieber", "Lungenentzündung", ...), und 10 wurden grausam von der Gestapo ermordet.
Die in Breitenau gefangen genommenen Arbeiter mussten 12 Stunden pro Tag arbeiten, entweder innerhalb des Lagers oder in den Städten der Umgebung, unter strenger Bewachung. Diese 12 Stunden waren endlos, und der Arbeiter konnte nicht durch die zu seltenen und kurzen Pause getröstet werden. Die Dauer der Pausen hing zwar von dem Arbeitsplatz und der Wache ab, aber auf die Mittagspause wurde nie verzichtet. Die Mittagspause löste allerdings keine Begeisterung aus, denn das Essen reichte nie aus und ausgehungert machten sich die Arbeiter wieder an die Arbeit. Mangels einer sättigenden Suppe durften sie ein paar Minuten lang sitzen. Nach dem langen Tag erreichten sie ihre "Zimmer" im Mittelschiff der Kirche, um erschöpft auf die Betten zu fallen. Das Bettzeug bestand hauptsächlich aus einer auf Brettern liegenden schmierigen Strohmatratze. Diese Konstruktion sollte wie ein Etagenbett aussehen. Auf den drei Etagen schliefen in der Theorie drei Männer, dennoch kam es oft vor, dass die enge Matratze mit einem anderen Arbeiter geteilt werden musste. Sonst musste man sich mit einer dünnen Decke auf den Brettern abfinden. Kurze Nächte, Husten der Kranken, Fieberwahn der einen, Alpträume der anderen, erstickende Wärme aus all diesen schmutzigen Körpern, Ellbogenschläge vom Nachbarn, Angst vor dem kommenden Tag kennzeichneten die Nächte. Kaum ausgeschlafen wurden die Arbeiter mit Gewalt geweckt, um sich für einen neuen Tag vorzubereiten."

Ein französischer Häftling, der im Februar 1945 in Breitenau inhaftiert war, beschrieb seinen Tageslauf in Breitenau:
"Um 5 Uhr morgens wieder diese Glocke. Um 6 Uhr wurde auf dem Appellpaltz ein neues Kommando gebildet. Um 7 Uhr Abmarsch zum Instandsezten von Waldwegen. Es hatte fast die ganze Woche geregnet, und wir hatten nichts als unsere dürftige Kleidung auf dem Leib. Und wieder gab es mittags nichts zu essen. Am Abend nach unserer Rückkehr ins Lager wurden wir durchgezählt, und dann hatten wir endich unsere Ruhe. Aber wir waren ausgekühlt und so üermüdet, daß wir nur mit Mühe die eklige Suppe essen konnten." (wiedergegeben nach Leseheft über die Gedenkstätte Breitenau, zusammengestellt von Gunnar Richter, Kassel 1995, S. 10.).

Auch Pierre G., der französische Zwangsarbeiter bei Feinprüf, der im März 1944 nach einer Fahrt nach Kassel festgenommen und für vier Wochen in Breitenau inhaftiert worden war, berichtete von dem einfach scheußlichen Essen, dass so schrecklich schmeckte, dass die Neuankömmlinge, die Suppe oder den Kaffeeersatz oft gar nicht trinken konnten, was dann die schon länger in Breitenau Inhaftierten, die sich vor Hunger darauf stürzten, zu Gute kam. (Brief vom 3.4.2004). Pierre G. war beim Enttrümmern von Kassel eingesetzt. Aus einem Schreiben vom Spetmber 1943 geht hervor, dass die Arbeitskolonnen teilweise barfuß zu den Außenkommandos marschierten, weil die Schuhbestände für die vielen Gefangenen nicht ausreichten. Manche Gefangene nahmen während ihrer Haftzeit mehr als 30 Pfund ab und erkrankten aufgrund der entsetzlichen Haft- und Arbeitsbedingungen schwer. Auch Pierre G. verbrachte die letzten Tage seiner Haftzeit im Krankenrevier.

Werksausweise und Dokumente von ehemaligen ausländischen Zwangsarbeitern,
aus dem Leseheft über die Gedenkstätte Breitenau, zusammengestellt von Gunnar Richter, Kassel 1995, S. 8.

Von ihm selbst als unvollständig bezeichnete Skizze des ehemaligen "Ostarbeiters" Nikolai Aleksandrowitsch K., geb. 16.12.1924, inhaftiert in Breitenau vom 8.11 bis 8.12.1944 und erneut ab spätestens 19.1.1945 bis mindestens 22.2.1945

Göttinger Zwangsarbeiter, die in Breitenau inhaftiert waren:

  • Der Franzose Pierre G., geb. 24.3.1922, inhaftiert in Breitenau am 13.3.1944
  • Der Ukrainer Nikolai Aleksandrowitsch K., geb. 16.12.1924, inhaftiert in Breitenau vom 8.11 bis 8.12.1944 und erneut ab spätestens 19.1.1945 bis mindestens 22.2.1945
  • und Iwan Iwanowitsch Siwaschtschenko, geb. 17.8.1923, gest. 30.9.2001, der mit Nikolaj Aleksandrowitsch in Göttingen und Eschwege war und mit ihm gemeinsam am 8.11.1944 in das "Arbeitserziehungslager" Breitenau eingewiesen worden war. Er kam anschließend in das Konzentrationslager Buchenwald.

  • Literatur und Quellen:

    Brief Pierre G., geb. 24.3.1922, an Cécile Bonnet 15.2.2004 (überlassen von Cécile Bonnet), Stadtarchiv Göttingen, Sammlung 32 - Tollmien.

    Cécile Bonnet, Service du travail obligatoire (STO) in Göttingen, Magisterarbeit Universität Aix en Provence, Frankreich, 2004 (Manuskript).

    Gunnar Richter (Hg.), Die Gedenkstätte Breitenau in Guxhagen bei Kassel, Leseheft, 2. Auflage, Kassel 1995.

    Gunnar Richter, Das Arbeitserziehungslager Breitenau (1940-1945). Ein Beitrag zum nationalsozialistischen Lagersystem,, Dissertation Kassel 2004, Buchveröffentlichung Kassel 2010.

     


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